Was schulden wir den Eltern?

Gestern habe ich eine meiner Schwestern besucht. Wir hatten uns lange nicht gesehen, deshalb gab es viel zu erzählen. Und wie immer kam irgendwann die Sprache auf unsere Mutter und auf die schwierige Beziehung, die wir alle zu ihr haben. Keine von uns Schwestern genießt den Umgang mit ihr und es gibt viele ungute Erinnerungen. Aus heutiger Sicht und mit dem psychologischen Fachwissen, über das wir mittlerweile verfügen, können wir unzweifelhaft feststellen, dass wir als Kinder von unserer Mutter psychisch missbraucht wurden. Hinzu kam die kompromisslose Forderung nach Gehorsam und Anpassung. Erzogen wurde mit körperlicher Gewalt, mit lautem Schreien und Entwertung. Wir mussten hart an uns arbeiten, um uns von diesen Einflüssen zu befreien und die Folgen unserer Erziehung werden auch heute noch hin und wieder für uns spürbar.

Unsere Mutter ist überzeugt, allerbeste Erziehungsarbeit geleistet zu haben. Ein Gespräch darüber lässt sie nicht zu und sie verhält sich im Grunde noch ganz ähnlich wie früher. Zugleich fordert sie liebevolle Hingabe von uns und aufrichtigen Respekt. Wir tun uns schwer damit und diskutieren zuweilen die Frage: Was sind wir unserer Mutter schuldig?

Meine eigene Haltung habe ich nach vielen Jahren für mich klären können: Ich denke, wir schulden unseren Eltern das Leben und dafür gebührt ihnen durchaus Respekt. Narrenfreiheit erwerben sie damit aber nicht. Sie sind für ihr Verhalten verantwortlich, so weit ein Mensch überhaupt Verantwortung für sich übernehmen kann. Natürlich gibt es immer Gründe, weshalb ein Elternteil sich nicht angemessen verhält. Dennoch: Respekt muss erworben und verdient werden. Ich kann meine Mutter in ihrer Rolle als Mutter respektieren, als Mensch, der während seiner eigenen Kindheit viel gelitten hat, aber ihr Verhalten kann ich auf keinen Fall billigen. Dafür gebührt ihr in meinen Augen auch kein Respekt und lieben kann ich sie dafür schon gar nicht.

Meinen eigenen Töchtern gegenüber empfinde ich sowohl innige Liebe als auch größten Respekt und behandle sie entsprechend. Als Nebenprodukt meiner liebevollen Haltung fallen auch Liebe und Respekt für mich ab. Sie sind aber nicht das eigentliche Ziel, es geht mir eher ums Lieben als ums Geliebtwerden. Vielleicht ist das ein Privileg der Mutterrolle: Wir dürfen ein Leben lang bedingungslos lieben. Aber auf die Liebe unserer Kinder gibt es kein Recht.

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