Schöner Selbstbetrug

Vor kurzem habe ich spätabends noch meinen Schreibtisch aufgeräumt. Da diese Tätigkeit nur wenig Hirnschmalz erfordert, lief nebenher der Fernseher. ZDF NEO sendete gerade eine charmant gemachte Reportage, deren Thema lautete: „Wie werd‘ ich ein guter Lügner?“. Besonders interessant fand ich den Teil der Sendung, in dem es darum ging, wie selbstverständlich wir uns selbst belügen.

In einem großen Einkaufszentrum wurden Männer gebeten, ihre eigene männliche Attraktivität auf einer Skala einzuschätzen. Anschließend bat man einige zufällig ausgewählte Frauen, die Attraktivität dieser Männer ebenfalls einzuschätzen. Es stellte sich heraus, dass die Männer sich selbst durch die Bank positiver beurteilt hatten. Sie hatten ihre eigene Attraktivität schlichtweg überschätzt. Im zweiten Teil des Experiments bat man einige Frauen, ihr eigenes Gewicht zu schätzen. Danach mussten alle befragten Frauen auf eine Waage steigen. Jede einzelne hatte ihr Gewicht unterschätzt und hielt sich für schlanker, als sie in Wirklichkeit war.

Ich musste schmunzeln. Wir malen uns die Dinge schön und betrachten offensichtlich auch uns selbst positiver als wir in Wahrheit sind. Das Phänomen ist in der Wissenschaft seit langem als „egozentrische Verzerrung“ bekannt. Wir neigen dazu, uns selbst und unsere Zukunft rosarot zu sehen. Wir halten uns beispielsweise auf irrationale Weise für überdurchschnittlich (überdurchschnittlich kooperativ, freundlich, zuverlässig, besonnen, verantwortungsbewusst, kreativ…). In einer Studie glaubten Autofahrer, die wegen eines Verkehrsunfalls im Krankenhaus lagen, sie seien überdurchschnittlich geschickte Fahrer!

Derartige Wahnvorstellungen machen deswegen Sinn, weil wir damit belastbarer, ausdauernder, glücklicher und oft auch erfolgreicher sind. Natürlich darf man es nicht übertreiben und sich allzu weit von der Wirklichkeit entfernen. Aber der Nutzen einer kleinen Schwindelei sollte nicht unterschätzt werden. Wenn ich beispielsweise vor einer großen und herausfordernden Aufgabe stehe und schlichtweg nicht wissen kann, ob ich der Sache gewachsen bin, rede ich mir trotzdem ein: „Ich weiß, dass ich’s kann, ich weiß, dass ich’s kann; ich weiß…“. Auf diese Weise verliere ich nicht so schnell den Mut, ich strenge mich an und kann es irgendwann wirklich.

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