Archiv für den Monat: April 2014

Zeit für mich

Ostern ist ein klassisches Familienfest und in diesem Jahr waren wir 16 Personen hier im Haus. Für mich als Gastgeberin eine Herausforderung mit vielen Facetten. Allein die logistischen Aufgaben kosteten mich einige Überlegung. Das Fest selbst war ein großer Erfolg. Alle haben sich wohlgefühlt und gut miteinander harmoniert. Beim Essen (ich habe 23! verschiedene Speisen angeboten) konnte jeder etwas Leckeres für sich finden, auch die Gäste mit speziellen Bedürfnissen fühlten sich gut versorgt. Ich habe alles genossen: die Gespräche, den Anblick meiner großen Familie, das schöne Osterwetter und ja: ich war auch stolz, solch ein gelungenes Fest alleine organisiert und vorbereitet zu haben. Am darauffolgenden Tag ging die Arbeit weiter. Drei Personen hatten sich zur Übernachtung angekündigt.

Während meiner Arbeit wurde mir plötzlich bewusst, dass ich die ganze Zeit mit Essen beschäftigt war. Ohne nachzudenken stopfte ich mir allerlei in den Mund. Es handelte sich um ein automatisiertes Konsumverhalten ohne Genuss. Ich stutzte und wunderte mich. Bis mir klar wurde, dass ich mich im Bemühen um die anderen selbst aus den Augen verloren hatte. Ich hatte die Wahrnehmung meiner eigenen Bedürfnisse einfach ausgeknipst. Das Essen war ein Ersatz für die Zuwendung, die ich mir selbst hätte geben sollen. Nach mehreren Tagen im pausenlosen Einsatz für die Familie wusste sich mein vernachlässigtes Ich nicht anders zu helfen. Hätte ich während meiner Arbeit für die Gäste wenigstens hier und da in Ruhe einen Tee im Garten getrunken, mich vielleicht zur Erholung ein Weilchen in mein Zimmer zurückgezogen, wäre das nicht passiert.

Die kleine Episode hat mir mal wieder deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich nicht komplett zu funktionalisieren und immer ein wenig Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn dann bleiben wir in gutem Kontakt mit uns selbst. „In der Einsamkeit sind wir am wenigsten allein“, wusste schon Lord Byron.

Was schulden wir den Eltern?

Gestern habe ich eine meiner Schwestern besucht. Wir hatten uns lange nicht gesehen, deshalb gab es viel zu erzählen. Und wie immer kam irgendwann die Sprache auf unsere Mutter und auf die schwierige Beziehung, die wir alle zu ihr haben. Keine von uns Schwestern genießt den Umgang mit ihr und es gibt viele ungute Erinnerungen. Aus heutiger Sicht und mit dem psychologischen Fachwissen, über das wir mittlerweile verfügen, können wir unzweifelhaft feststellen, dass wir als Kinder von unserer Mutter psychisch missbraucht wurden. Hinzu kam die kompromisslose Forderung nach Gehorsam und Anpassung. Erzogen wurde mit körperlicher Gewalt, mit lautem Schreien und Entwertung. Wir mussten hart an uns arbeiten, um uns von diesen Einflüssen zu befreien und die Folgen unserer Erziehung werden auch heute noch hin und wieder für uns spürbar.

Unsere Mutter ist überzeugt, allerbeste Erziehungsarbeit geleistet zu haben. Ein Gespräch darüber lässt sie nicht zu und sie verhält sich im Grunde noch ganz ähnlich wie früher. Zugleich fordert sie liebevolle Hingabe von uns und aufrichtigen Respekt. Wir tun uns schwer damit und diskutieren zuweilen die Frage: Was sind wir unserer Mutter schuldig?

Meine eigene Haltung habe ich nach vielen Jahren für mich klären können: Ich denke, wir schulden unseren Eltern das Leben und dafür gebührt ihnen durchaus Respekt. Narrenfreiheit erwerben sie damit aber nicht. Sie sind für ihr Verhalten verantwortlich, so weit ein Mensch überhaupt Verantwortung für sich übernehmen kann. Natürlich gibt es immer Gründe, weshalb ein Elternteil sich nicht angemessen verhält. Dennoch: Respekt muss erworben und verdient werden. Ich kann meine Mutter in ihrer Rolle als Mutter respektieren, als Mensch, der während seiner eigenen Kindheit viel gelitten hat, aber ihr Verhalten kann ich auf keinen Fall billigen. Dafür gebührt ihr in meinen Augen auch kein Respekt und lieben kann ich sie dafür schon gar nicht.

Meinen eigenen Töchtern gegenüber empfinde ich sowohl innige Liebe als auch größten Respekt und behandle sie entsprechend. Als Nebenprodukt meiner liebevollen Haltung fallen auch Liebe und Respekt für mich ab. Sie sind aber nicht das eigentliche Ziel, es geht mir eher ums Lieben als ums Geliebtwerden. Vielleicht ist das ein Privileg der Mutterrolle: Wir dürfen ein Leben lang bedingungslos lieben. Aber auf die Liebe unserer Kinder gibt es kein Recht.

Es lebe der Eigensinn!

Gestern habe ich in einem Zertifikatslehrgang für Führungskräfte mit meinen Teilnehmern zahlreiche Übungen zur Selbsterfahrung durchgeführt. Dabei wurde ganz deutlich die Einzigartigkeit jedes Einzelnen offenbar. Sie lässt sich gezielt für die Führungsarbeit nutzen. Ich wurde im Laufe des Tages geradezu euphorisch, als mir bewusst wurde, welche Schätze da zutage traten: Jeder meiner Teilnehmer verfügt über seine eigenen Ressourcen, die ihn von allen anderen unterschieden. Jeder hat etwas Besonderes zu geben.

Ich habe anschließend darüber nachgedacht, wie sehr wir dem Zwang zur Konformität unterliegen. Es wird immer so getan, als müsste man eine Aufgabe „richtig“ erledigen. Daraus entstehen dann zahllose Vorgaben, denen sich alle zu unterwerfen haben. Ich habe das noch nie gemocht und akzeptiert. „Dass du dich aber auch nie anpassen kannst!“, lautete ein häufiger Vorwurf meiner Mutter. Heute denke ich, ich habe mich viel zu oft viel zu sehr angepasst. Es wäre gut gewesen, jemand hätte mich darin unterstützt, meine Einzigartigkeit zu entdecken, zu kultivieren, zu nutzen und zu genießen. Aber damals war „Eigensinn“ noch ein Schimpfwort, mit dem man ungehorsame Kinder beschrieb.

Zum Glück bin ich schon lange kein Kind mehr und befinde mich derzeit in der glücklichen Position, Einfluss auf eine beträchtliche Anzahl von Menschen ausüben zu können. Ich nutze diese Möglichkeit, um den Eigensinn meiner Kunden zu unterstützen. „Schätze heben“ nenne ich das für mich. Mir liegt daran, Menschen zu ermutigen, ganz sie selbst zu sein. Ich bin mir sicher: Jeder von ihnen hat etwas Besonderes zu geben und sein Eigensinn ist ein Gewinn für diese Welt. So können Menschen einen großartigen und einzigartigen Beitrag leisten statt einfach nur die Norm zu erfüllen und nichts als Mittelmäßigkeit zu produzieren.

Schöner Selbstbetrug

Vor kurzem habe ich spätabends noch meinen Schreibtisch aufgeräumt. Da diese Tätigkeit nur wenig Hirnschmalz erfordert, lief nebenher der Fernseher. ZDF NEO sendete gerade eine charmant gemachte Reportage, deren Thema lautete: „Wie werd‘ ich ein guter Lügner?“. Besonders interessant fand ich den Teil der Sendung, in dem es darum ging, wie selbstverständlich wir uns selbst belügen.

In einem großen Einkaufszentrum wurden Männer gebeten, ihre eigene männliche Attraktivität auf einer Skala einzuschätzen. Anschließend bat man einige zufällig ausgewählte Frauen, die Attraktivität dieser Männer ebenfalls einzuschätzen. Es stellte sich heraus, dass die Männer sich selbst durch die Bank positiver beurteilt hatten. Sie hatten ihre eigene Attraktivität schlichtweg überschätzt. Im zweiten Teil des Experiments bat man einige Frauen, ihr eigenes Gewicht zu schätzen. Danach mussten alle befragten Frauen auf eine Waage steigen. Jede einzelne hatte ihr Gewicht unterschätzt und hielt sich für schlanker, als sie in Wirklichkeit war.

Ich musste schmunzeln. Wir malen uns die Dinge schön und betrachten offensichtlich auch uns selbst positiver als wir in Wahrheit sind. Das Phänomen ist in der Wissenschaft seit langem als „egozentrische Verzerrung“ bekannt. Wir neigen dazu, uns selbst und unsere Zukunft rosarot zu sehen. Wir halten uns beispielsweise auf irrationale Weise für überdurchschnittlich (überdurchschnittlich kooperativ, freundlich, zuverlässig, besonnen, verantwortungsbewusst, kreativ…). In einer Studie glaubten Autofahrer, die wegen eines Verkehrsunfalls im Krankenhaus lagen, sie seien überdurchschnittlich geschickte Fahrer!

Derartige Wahnvorstellungen machen deswegen Sinn, weil wir damit belastbarer, ausdauernder, glücklicher und oft auch erfolgreicher sind. Natürlich darf man es nicht übertreiben und sich allzu weit von der Wirklichkeit entfernen. Aber der Nutzen einer kleinen Schwindelei sollte nicht unterschätzt werden. Wenn ich beispielsweise vor einer großen und herausfordernden Aufgabe stehe und schlichtweg nicht wissen kann, ob ich der Sache gewachsen bin, rede ich mir trotzdem ein: „Ich weiß, dass ich’s kann, ich weiß, dass ich’s kann; ich weiß…“. Auf diese Weise verliere ich nicht so schnell den Mut, ich strenge mich an und kann es irgendwann wirklich.