Wenn Du heute besser bist als gestern

Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren lässt ihre junge Heldin Lotta zu Beginn einer Geschichte sagen:

„Mit mir ist es komisch. Ich kann so viel!“

Jeden Tag entdeckt die kleine Lotta staunend neue Fähigkeiten an sich. Es ist, als würde sie regelmäßig Schätze heben und mit jeder Entdeckung wachsen ihr Selbstvertrauen und ihre Lebensfreude.

Wir alle waren einmal so wie Lotta. Aber jetzt quälen sich viele von uns durch den Arbeitstag, sind froh, wenn das Wochenende naht. Was ist mit unserer Lernbegeisterung passiert? Warum stürzen wir uns nicht gierig auf neue Erfahrungen statt innerlich aufzustöhnen, wenn wieder eine Herausforderung wartet?

Eines ist sicher: Die Arbeit bietet ein größeres Glückspotenzial als die Freizeit und dabei spielen die täglichen Herausforderungen eine große Rolle. Wo sonst sind wir so regelmäßig mit neuen Situationen konfrontiert, auf die wir uns einstellen müssen? Ja, das ist anstrengend, aber darin liegt auch eine großartige Chance. Denn die Natur hat es so eingerichtet, dass Glückshormone ausgeschüttet werden, wenn wir uns anstrengen. Aus Sicht der Evolution macht diese Belohnung Sinn: Denn wer sich anstrengt, hat bessere Überlebenschancen.

Wir können von unserer Lernbereitschaft nur profitieren:

  • Sie macht uns glücklich, weil der Körper als Reaktion auf die Anstrengung Glückshormone ausschüttet.
  • Sie macht uns stolz und stärkt unser Selbstvertrauen, weil wir uns als kompetent erleben.
  • Sie macht uns erfolgreich, weil wir im Laufe der Zeit immer schlauer, tüchtiger und effektiver werden.

Darum wäre es gut, jede Chance für eine Herausforderung zu nutzen, sich auf alles zu stürzen, was neue Erfahrungen im Job verspricht. Lernen ist eine der zuverlässigsten Methoden, um das eigene Leben dauerhaft zu bereichern.

Chef mit Hund

Gerade bin ich damit beschäftigt, nach längerer Zeit mal wieder einen Junghund zu erziehen. Keine Kleinigkeit! Diese Aufgabe fordert mir sehr viel ab:

  • Klares Zielbewusstsein Ich muss wissen, wie ich mir das Leben mit meinem Hund vorstelle. Darf er auf die Couch, muss er mit Kindern klarkommen, soll er Aufgaben übernehmen, wenn ja, welche etc. Ohne Ziele keine Richtung und kein Erfolg.
  • Authentizität Ich muss kompromisslos echt sein. Mein Hund spürt, wenn ich mich verstelle und etwas darstelle, was ich nicht bin. Er wird kein Vertrauen zu mir entwickeln und er wird sehr verwirrt sein, wenn ich unecht bin.
  • Natürliche Autorität Drohen und bestrafen kann jeder, aber so baut man keine wirkliche Beziehung auf, weder zum Hund, noch zum Menschen. Angst ist keine gute Basis für das Miteinander. In einem Wolfsrudel wird für gewöhnlich nicht der stärkste Wolf Chef, sondern der mit der größten Souveränität. Solch ein Wesen vermittelt den  anderen Rudelmitgliedern Sicherheit und Überlegenheit. Man folgt ihm deshalb freiwillig und fühlt sich bei ihm gut aufgehoben.
  • Einfühlungsvermögen Wenn mein Hund dem Rückruf erst nach längerem Zögern Folge leistet, darf ich nicht schimpfen, sondern ich muss mich freuen. Denn der Hund soll ja auch in Zukunft gerne zu mir kommen. Wenn er gerade eifrig einer Spur nachgeht, sollte ich ihn nicht streicheln, auch wenn mir gerade danach ist, usw. Ein harmonisches Zusammensein, von dem beide Seiten profitieren, setzt Einfühlungsvermögen voraus.
  • Geduld Oft versteht der Hund nicht, was ich von ihm will. Oder er schafft das Geforderte einfach noch nicht. Da brauche ich Geduld. Ich muss ihm Zeit geben und darf nicht zu viel auf einmal verlangen.
  • Zuversicht Ich muss an meinen Hund glauben. Er spürt sofort, was ich von ihm halte. So wird jede meiner Annahmen ganz schnell zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Mein Hund ist besser dran, er wird mehr lernen und leisten, wenn ich ihm etwas zutraue. Ich muss sein Selbstvertrauen stärken, ihn ermutigen und loben.
  • Gute Laune Mein Hund soll sich gerne auf mich einlassen. Wenn ich ein Trauerkloß oder Langweiler bin, geht es ihm nicht gut mit mir und er wird sich nicht gerne mit mir beschäftigen.
  • Wohlwollen Der Hund muss spüren, dass ich Gutes für ihn will, dass ich auf seiner Seite und ein wohlwollender Rudelführer bin. Dann vertraut er mir und wir werden viel besser kooperieren.

Diese Tugenden werden mir als Hundeführerin abverlangt – und noch ein paar mehr.

Ich bin mir ziemlich sicher: All das lässt sich auf die Führung von Mitarbeitern übertragen. Und ich gebe zu: Wenn ich sehe, dass jemand gut mit seinem Hund klarkommt, bin ich geneigt, ihn auch für einen guten Chef zu halten.

Wenn Mitarbeiter die Perspektive wechseln würden…

Der eigene Chef wird nicht selten für Mitarbeiter zum Kündigungsgrund. Beschäftigte sehen mitunter keine Möglichkeit mehr zu einer befriedigenden Kooperation mit ihrem Vorgesetzten. Sie fühlen sich missachtet, ausgebremst, bevormundet, hintergangen etc. Dergleichen wird auf Dauer unerträglich. Bis es dann schließlich zum Jobwechsel kommt, ist viel passiert.

Tatsächlich garantiert aber auch der neue Arbeitsplatz nicht unbedingt eine Besserung. Denn überall sitzen Menschen mit Defiziten auf den Chefsesseln. Das Problem könnte also am neuen Arbeitsplatz eine Fortsetzung erfahren. Vielleicht mit einer anderen Variante… Was tun?

Es ist grundsätzlich immer eine gute Idee, in einem solchen Fall die Perspektive zu wechseln. Denn wer seine Vorgesetzten versteht und ihr Verhalten durchschaut, gewinnt größere Handlungsspielräume und kann im Idealfall sogar in der Beziehung zum Vorgesetzten die Führung übernehmen. Dazu drei Beispiele:

  1. Chef wird man aus unterschiedlichen Gründen, aber nie wegen der eigenen Führungsqualitäten. Die entwickelt man erst später – oder eben gar nicht. Deshalb wird in den meisten Fällen schlichtweg Überforderung die Ursache für Führungsfehler sein. Viele Chefs würden sich kooperativer verhalten, wenn ihnen im Team eine unterstützende statt kritische Haltung entgegengebracht würde. Wer sich überfordert fühlt und zusätzlich kritisiert wird, gerät in Not und kann eben nicht immer angemessen reagieren.
  2. So mancher Vorgesetzte muss seine Führungsaufgabe nebenher erledigen. Er trägt nicht nur die Verantwortung für seine bisherigen Aufgaben, sondern soll zusätzlich nun auch noch die Verantwortung für das ganze Team übernehmen. Es leuchtet ein, dass man unter dieser Belastung wenig Aufmerksamkeit für das Bestätigungsbedürfnis der Mitarbeiter aufbringen kann. Wer also unbedingt vom Chef bestätigt werden will, sollte sich bemerkbar machen und explizit um ein Feedback bitten.
  3. Da man nicht für Einfühlungsvermögen befördert wird, ist es ganz natürlich, dass Chefs oft nicht zuhören, dass sie nicht verstehen, was ihre Mitarbeiter bewegt und nicht angemessen auf sie eingehen. Entweder passt man als Mitarbeiter seine Erwartungen an die Realität an oder findet einen Weg, sich bemerkbar zu machen.

Das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ist von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt. Das gibt den Mitarbeitern Macht, meist mehr, als ihnen bewusst ist. Es wäre schade, wenn sie vorschnell auf diese Macht verzichten würden, indem sie frustriert das Feld räumen. Weiterlesen

No risk, no life!

Kürzlich wurde mir leidenschaftlich widersprochen, nachdem ich auf Facebook einen Beitrag über Risikofreude veröffentlicht hatte. Ich selbst bin sehr dafür, regelmäßig Risiken einzugehen, nicht tollkühn, sondern wohlkalkuliert, aber eben durchaus mutig.

Mein Plädoyer für Risikofreude traf auf heftigen Widerspruch. Ein Kommentator meinte, das Wohlbefinden käme niemals von der Risikofreude, sondern nur von der Freiheit. Ach ja? Und woher kommt wohl die Freiheit?

Für mich bedeutet Freiheit, dass ich tun kann, was ich möchte; denken, was ich will und glauben, was ich für richtig halte. Wenn ich frei bin, treffe ich meine eigenen Entscheidungen. Wer aber das Risiko scheut, kann nicht entscheiden. Seine Angst tut das für ihn. Angst engt ein, begrenzt den Horizont der Möglichkeiten. Angst führt zu furchtsamem Erstarren, aber niemals zur Freiheit. Je freier wir sein wollen, desto risikofreudiger müssen wir sein. Indem wir zu Risiken bereit sind, erschließen wir uns Stück für Stück die Welt und machen uns vertraut, was zuvor fremd und womöglich sogar furchteinflößend war. Wir erweitern unsere Freiheitsgrade, wenn wir auf unbekanntes Terrain vorstoßen. Da wir nicht sicher voraussagen können, was uns dort erwartet, müssen wir eben mutig sein. Risikofreudig. Risiko und Freude gehen häufig Hand in Hand:  „No risk, no fun.“

Schlimmer noch: No risk, no life! Ohne Risikobereitschaft sind wir Gefangene und die Angst wird zu unserem Kerkermeister. Das ist kein Leben. Lebendigkeit bedeutet, sich einzulassen, Neues zu erfahren, sich selbst zu erproben. Auf diese Weise entwickeln wir uns weiter, wir lernen und reifen. Und dabei erweitern wir nebenbei auch unsere Freiräume. Nur so funktioniert es! Angenehm ist das nicht immer. Aber Wohlbefinden hätte keinen Wert, wäre es nicht durch sein Gegenteil definiert. Wir können uns eben nur richtig gut fühlen, wenn wir auch das Unbehagen kennen.

Mitdenken lassen!

Heute war ich mit unserem Welpen in der Hundeschule und hatte Anlass zum Staunen: Wir wurden nicht nur aufgefordert, unseren Hunden mit der Leine ein klares Signal zu geben, sondern ermahnt, dann erst mal gar nichts zu tun und dem Hund Zeit zu lassen, selbstständig dieses Signal zu verarbeiten, will heißen: mitzudenken.

Unsere Lucy ist erst wenige Monate alt und sie ist ein Hund! Ich soll ihr das wirklich zutrauen?!

Ja, soll ich, und es funktioniert! Signal geben, Klappe halten, den Hund mitdenken lassen. Der zieht hundertprozentig seine Schlüsse. Würde ich ihn aber ständig vollquatschen, wäre er vom Denken abgelenkt.

Wenn mein jugendlicher und ziemlich winziger Hund das schafft – warum schaffen das nicht auch die Menschen in der Arbeitswelt??? Die warten überwiegend auf Anweisungen und sind bemüht, bloß alle Regeln zu befolgen, um nicht unangenehm aufzufallen. Das ist das Ergebnis jahrelanger Erziehung. „Tu, was man dir sagt“, lautet die Devise von Anfang an. In der Schule wird fehlerfreies Reproduzieren von Lerninhalten belohnt. „Diskutier hier nicht schon wieder rum !“, bekommt so mancher Teenager zu hören. Natürlich gibt es Gründe dafür, dass wir unsere Kinder so erziehen – aber auch dagegen!

Was wäre wohl, wenn Mitarbeiter nicht nur mitarbeiten, sondern auch mitdenken würden? Ich fürchte, vor dem Hintergrund einer Erziehung, die auf Anpassung ausgerichtet ist, müsste man viele Mitarbeiter explizit immer wieder dazu ermutigen. Bei einigen wird man damit Erfolg haben und sie aus der Lethargie des Gehorsams aufwecken. Ich wage nicht vorauszusagen, was dann genau passieren würde. Viele hätten dann sicher mehr Freude an ihrer Arbeit. Aber vielleicht wären einige dann bald keine Mitarbeiter mehr…

Eines weiß ich aber gewiss: Ein Leben, in dem der eigene Kopf mitwirkt, ist würdevoller, erfüllter und lebenswerter als ein Leben in Anpassung und Gehorsam. Nicht nur bei Hunden.

Vom Fluch der Evolution

Gefühle waren einst Handlungsimpulse. Das ist heute noch spürbar: Wer beispielsweise überrascht ist, zieht die Augenbrauen hoch. Unsere Vorfahren konnten sich so ein größeres Blickfeld verschaffen, das es ihnen erlaubte, mehr wahrzunehmen und gegebenenfalls schneller zu reagieren. Angst ließ unsere Vorfahren flüchten oder erstarren – und diese Reaktion konnte unter Umständen ihr Leben retten. Wut verlieh ihnen die Kraft zum Kampf und so konnten sie ihr Leben und ihre Ressourcen verteidigen.

Aber was taten sie, wenn sie glücklich waren? Vermutlich dasselbe, was wir heute tun: Wir genießen unser Glück, aber tun aus dem Glücksgefühl heraus nichts Lebensrettendes. Glück führt aus Sicht der Evolution nicht unmittelbar zum Erhalt der Art. Aus diesem Grund hat die Evolution es so eingerichtet, dass wir Negatives weit schneller und intensiver empfinden als Positives. Für die Arterhaltung macht das Sinn.

Heute leben wir aber in einem völlig anderen Umfeld als unsere Vorfahren. Wir können negative Gefühle nicht mehr impulsiv ausleben. Es ist nicht erlaubt, dem nervenden Kollegen eine Ohrfeige zu verpassen; es empfiehlt sich nicht, vor dem Zahnarzt und seinem Bohrer davon zu laufen… Wir haben nach wie vor negative Gefühle, können sie aber nicht wie unsere Vorfahren unmittelbar für unser Überleben nutzen. Sie werden zum gefährlichen Ballast, wenn wir nicht achtgeben. Wer bei seiner Arbeit vor allem Negatives wahrnimmt und sich davon beherrschen lässt, verliert nicht nur seine Arbeitsfreude und Lebensqualität, sondern zuweilen auch seine Gesundheit.

Deswegen ist es wichtig, dass wir Gefühlsmanagement betreiben. Wir können den negativen Gefühlseinflüssen etwas entgegensetzen und sie damit unschädlich machen. Das Prinzip ist einfach:

  • Negative Empfindungen dämpfen: z.B. Negativem die Aufmerksamkeit entziehen, negative Gedanken in Frage stellen
  • Positive Empfindungen kultivieren: z.B. Positives bewusster wahrnehmen oder gar gezielt für positive Erfahrungen sorgen

Für den Arbeitsalltag bedeutet das: Wir sollten uns nicht auf all die Anlässe zur Unzufriedenheit  fixieren, sondern bewusst das Gute im Job wahrnehmen. Wir können auch gezielt etwas für gute Gefühle tun: z.B. freundlich zu anderen sein, denn die Evolution belohnt das Gutsein mit glücklichen Gefühlen. Zudem kommt Freundlichkeit meist zurück. Oder wir können interessante Herausforderungen suchen, denn dann besteht die Chance auf Flow. Wir können kleine Auszeiten nehmen, die uns guttun, eine Plauderei mit einer netten Person, eine schöne Tasse Kaffee etc. Alles ist besser, als sich negativen Gefühlen einfach zu überlassen.

Profil zeigen!

Zu meinem Profil gehört das Engagement für mehr Arbeitsfreude. Ich setze mich auf vielerlei Weise dafür ein, dass Menschen Wege finden, ihre Arbeit zu genießen. Und ich kenne zahlreiche Wege, auf denen das funktioniert. Ich selbst liebe meine Arbeit, arbeite viel und gerne. Ich kenne auch die wissenschaftlichen Untersuchungen, die erklären können, warum Arbeit grundsätzlich wichtig für unsere Psyche ist. Daher stehe ich erkennbar für ein erfüllteres Arbeitsleben. Meine Überzeugung, dass wir bewusster und mit mehr Begeisterung arbeiten könnten, macht mich angreifbar, weil ich meine Haltung auch öffentlich mache. Ich zeige ein klares Profil, und wer Profil zeigt, macht sich unweigerlich angreifbar.

Natürlich ist es nicht schön, angegriffen zu werden. Nicht jeder Angreifer argumentiert sachlich. Die Angelegenheit wird schnell persönlich. Das muss man aushalten und manche Kritik einfach abschütteln können. Denn was wäre die Alternative?

Wir brauchen doch Menschen, die für etwas stehen! Es kann nicht darum gehen, dass wir tagsüber unsere Arbeitszeit absitzen, stets mit Blick auf die Uhr, und dann am Feierabend unser Vergnügen suchen. Solch eine Existenz erscheint mir leer. Wir sind hier, um das Leben zu gestalten, uns einzubringen. Ich liebe diesen Satz von Karlfried Graf Dürckheim: „Es steht der Mensch in einem doppelten Auftrag: Die Welt zu gestalten im Werk und zu reifen auf dem inneren Weg.“

Und genau das wünsche ich mir: Mehr Menschen, die gestalten und Ideen haben, Menschen die erkennbar für etwas stehen, sich einsetzen, ein deutliches Profil zeigen – wir haben schon viel zu viele, die unsichtbar sind, weil sie funktionieren und gehorchen…

 

Der eigene Stil

„I did it my way“, sang Frank Sinatra einst. Aber was bedeutet es, einen eigenen Stil zu haben? Und warum sollte das erstrebenswert sein?

Menschen mit Stil fallen auf. Sie heben sich von der Masse ab. Sie zeigen Persönlichkeit, und genau so bringen sie sich auch ein: mit einer für sie typischen Art. Sie sind auf ganz unangestrengte Weise originell. Unverwechselbar eben. Menschen mit Stil haben Werte/Vorlieben/Eigenheiten und dazu stehen sie. Es verunsichert sie nicht, wenn andere ihre Werte nicht teilen oder an ihren Eigenheiten Anstoß nehmen. Sie bleiben ihrem Kurs treu – mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt. Nicht jeder wird den unverwechselbaren Stil eines solchen Menschen zu schätzen wissen, aber es ist schwer, stilvollen Menschen den Respekt zu versagen. Ihre selbstsichere Individualität imponiert. Dieter Bohlen ist ein gutes Beispiel dafür. Seit vielen Jahren besitzt er einen hohen Bekanntheitsgrad und er hat ganz sicher einen eigenen Stil, aber längst nicht jeder bringt ihm dafür Sympathie entgegen. Dieter Bohlen scheint das nicht zu interessieren. Er folgt unbeirrt seinem eigenen Kurs und ist damit sogar außerordentlich erfolgreich.

Warum lohnt sich der eigene Kurs? Es geht sicher nicht darum, so erfolgreich zu werden wie ein Dieter Bohlen. Der eigene Stil schenkt uns vielmehr eine große Unabhängigkeit und Gelassenheit. Menschen mit Stil fragen sich nicht ständig, ob sie genügen und alles richtig machen. Sie passen sich nicht gedankenlos an, versuchen erst gar nicht, es allen recht zu machen und stellen keine Vergleiche an, um sich zu bestätigen. Sie machen selbstsicher ihr Ding und fühlen sich damit wohl. Sie brauchen niemandem etwas beweisen, sie haben es nicht nötig, um Bestätigung zu betteln. Es ist ein innerer Geisteszustand und er setzt zwei Dinge voraus: eine gute Selbstkenntnis und eine gehörige Portion Selbstakzeptanz.

Auf dieser Basis wird der eigene Stil zu einer großartigen Sache. Denn so finden wir zu uns selbst und werden ganz. Die Welt braucht noch viel mehr solcher Menschen.

„Authentisch“ ist kein Luxus

In der Arbeitswelt scheint Verstellung zum Alltag zu gehören. Man hat den Eindruck, als wäre Unaufrichtigkeit Teil der beruflichen Rolle. Selbstverständlich ist es nicht ratsam, sich hemmungslos gehen zu lassen und das eigene Verhalten blindlings von Impulsen bestimmen zu lassen. Dennoch sollten wir uns selbst treu bleiben – egal, was kommt.

Denn Verstellung ist anstrengend und gefährlich. Anstrengend, weil wir ständig etwas in uns unterdrücken müssen, wenn wir nicht authentisch agieren. Nicht sagen zu dürfen, was man denkt, etwas darzustellen, was man nicht ist – das macht einen enormen Energieaufwand erforderlich. Diese Energie fehlt dann anderswo und kann beispielsweise nicht der Arbeit zugutekommen. Zudem gelingt das Schauspiel nicht zuverlässig. Denn ohne dass wir es bemerken, entschlüpfen uns verräterische Signale. Unkontrollierte Mimik, ein kleines Zögern im entsprechenden Augenblick, die falsche Stimmlage, die nicht zur Aussage passt – diese und ähnliche Signale werden uns unweigerlich früher oder später verraten. Sie wirken auf die Umgebung mitunter sehr irritierend, weil Aussagen und Körpersprache nicht zusammenpassen.

Gefährlich ist die Verstellung vor allem deshalb, weil wir uns selbst fremd werden, wenn wir zu oft eine Rolle spielen. Da wir erst gar nicht mehr danach fragen, was wir wirklich fühlen und wollen, sondern nur noch damit beschäftigt sind, unsere Rolle so gut wie möglich auszufüllen, verlieren wir uns selbst aus dem Blick. Dann ist es nicht mehr möglich, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und gut für sich selbst zu sorgen. Manch einer fühlt sich unzufrieden und innerlich leer, ohne recht zu wissen, warum.

Wir sollten uns also treu bleiben. Für konfliktträchtige Situationen empfehle ich soziales Geschick und die Kunst der Diplomatie. So ist nicht nur gewährleistet, dass unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse Berücksichtigung finden können, sondern wir sind auch eher in der Lage, eigene Ideen und Werte in die Arbeit einzubringen. Und das kann zu einem Gewinn für alle Beteiligten werden.

Die Mär vom richtigen Moment

Wann ist der richtige Moment für eine weitreichende Entscheidung? Wie erkennt man z.B., dass es Zeit ist, eine Familie zu gründen oder den Job zu wechseln? Wie lange soll man in einer unbefriedigenden Situation verharren und wann ist der Zeitpunkt gekommen, endlich einmal Tacheles zu reden? Vermutlich hat jeder von uns schon irgendwann auf den passenden Moment gewartet und wir alle wissen, wie schwer es sein kann, ihn zu finden.

Manchmal hält die Mär vom richtigen Zeitpunkt uns davon ab, überhaupt zu handeln und etwas zu verändern. Wir warten auf den perfekten Moment, aber er kommt nicht. Denn es gibt wohl kaum eine Entscheidung, die völlig frei von Ambivalenzen ist. So sehr wir auch etwas verändern möchten – immer scheint etwas dagegen zu sprechen, dass wir es wirklich tun. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich in den letzten Jahren in der Beratung hatte, weil sie entscheidungsunfähig waren… Sie wussten, dass sie etwas ändern wollten und warteten auf den perfekten Moment.

Warum haben wir solche Angst, einfach mal zu tun, wonach uns der Sinn steht? Warum zögern wir so lange? Der Grund liegt wohl darin, dass wir solche Angst davor haben, das Vertraute aufzugeben ohne etwas Besseres dafür zu bekommen. Wir fürchten den Verlust und warten deshalb auf den Moment, zu dem der Tausch „Altes gegen Neues“ zu einem sicheren Geschäft wird. Aber dafür gibt es niemals eine Garantie. Denn jede unserer Entscheidungen basiert zwangsläufig auf Unwägbarkeiten. Alles, was wir tun und entscheiden, ist riskant, auch das Verharren.

Den perfekten Moment für eine Veränderung gibt es nicht. Unsicherheiten und Unwägbarkeiten werden uns ein Leben lang begleiten, in jedem Bereich unseres Lebens. Wir sollten uns am besten von der Vorstellung verabschieden, dass es darauf ankommt, alles richtig zu machen und dass eine „falsche“ Entscheidung einer Katastrophe gleichkommt. Denn das stimmt so nicht. Es kommt nicht darauf an, immer richtig zu entscheiden, sondern darauf, lebendig zu sein, Erfahrungen zu machen, im Leben nicht stehenzubleiben. Jede „falsche“ Entscheidung bringt eine Menge neuer Erfahrungen mit sich und lässt uns reifen. Wir fühlen uns lebendig, wir erleben etwas, wir entwickeln uns weiter. Das alles ist im höchsten Maße lustvoll – sogar dann, wenn die Entscheidung „falsch“ war. Im Leben geht es darum, unterwegs zu sein, statt in Sicherheit und Berechenbarkeit zu verharren. Wer Entscheidungen trifft, wird unvermeidlich „Fehler“ machen, das heißt, er erzeugt unerwünschte Effekte. Das gehört dazu, wenn man wahrhaft lebendig sein will..