Schwarz oder weiß?

Während unseres Urlaubs in England wurde mir wieder einmal deutlich, wie sehr unser Wohlbefinden von unserer Wahrnehmung abhängt: Wir hatten ein Haus auf dem Land gemietet, zu dem ein riesiger Garten gehört, der von einer hohen Mauer umgeben ist. Haus und Garten weisen ein beträchtliches Alter auf und alle Familienmitglieder waren von der Atmosphäre begeistert. Die Ausstattung des Hauses ist einfach, aber wir kamen prima zurecht. Als mein Mann die Vermieterin nach dem Gästebuch fragte, weil er seine Zufriedenheit  dokumentieren wollte, erhielt er eine überraschende Antwort: Die Vermieterin erklärte nämlich, sie habe das Gästebuch versteckt, weil die Besucher sich immer über Kleinigkeiten beschwert hätten. Viele hätten irgendetwas vermisst und sich darüber ausgelassen – statt die Gesamtatmosphäre zu bewerten.

Ich erkenne darin ein Muster, das mir auch in der Arbeitswelt wieder und wieder begegnet: Man hält sich mit kleineren Unannehmlichkeiten auf, erlaubt ihnen, das Befinden zu bestimmen und verliert darüber das Ganze aus den Augen. Viele Beschäftigte lassen sich ganz leicht in Verwirrung stürzen, wenn man sie danach fragt, was das Gute an ihrer Arbeit wäre. Sie können das Gute nicht mehr sehen und schätzen, weil sie dem Negativen zu viel Raum geben.

Nun liegt es aber in unserem eigenen Ermessen, wie wir die Dinge bewerten und gewichten wollen. Wir werden letzten Endes ganz sicher immer Gründe finden, uns zu beklagen. Es ist aber nicht logisch und zwingend, dass diese Gründe über unser Wohlbefinden bestimmen. Es wäre ebenso gut möglich, dass wir uns stattdessen gezielt auf das Positive ausrichten. Ich kann in diesem Zusammenhang nur wieder einmal John Milton zustimmen: „Der Geist ist eine Welt für sich, in der die Hölle zum Himmel und der Himmel zur Hölle werden kann.“

Kultur schaffen

Jede Organisation hat ihre eigene Kultur. Das führt dazu, dass Erwartungen an eigenes und fremdes Verhalten sehr stark variieren können. Wenn nun Menschen mit solch unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und daraus resultierenden abweichenden Erwartungen plötzlich zusammenarbeiten sollen und womöglich gar zu Kollegen werden – dann sind Missverständnisse und Konflikte keine Seltenheit. Sie sind geradezu vorprogrammiert. Denn das Verhalten des Gegenübers wirkt unangemessen, da es mit großer Selbstverständlichkeit auf der Basis der eigenen und vertrauten Gewohnheiten interpretiert wird. Das Gegenüber verhält sich nach eigener Wahrnehmung nicht „richtig“, was Befremden, Frustration oder auch Wut auslösen kann. Man kann das Verhalten des anderen nicht nachvollziehen und reagiert mit Unmut oder Rückzug. Beides behindert die Zusammenarbeit.

Damit das nicht passiert, sollten sich die Beteiligten bewusst machen, dass sie auf der Basis vergangener Erfahrungen agieren. Sie waren vielleicht über lange Zeit hinweg Teil einer bestimmten Unternehmenskultur, durch die sie geformt worden sind. Jetzt führen sie einfach nur etwas fort, was sich womöglich über viele Jahre bewährt hat. Auch wenn dieses Verhalten auf Außenstehende (die eine andere Unternehmenskultur gewöhnt sind) womöglich befremdlich wirken mag  – es wäre nicht angemessen, irgendetwas persönlich zu nehmen. Man würde es dem anderen ja auch nicht übelnehmen, wenn er aus einem anderen Land käme. Er kommt tatsächlich vielleicht nur aus einem anderen Unternehmen mit einer anderen Kultur. Aber das kann sich genauso trennend auswirken.

Was lässt sich tun? Die beste Methode besteht darin, Kommunikationsprozesse zu verlangsamen, indem man einander immer wieder Rückmeldung gibt. Das bedeutet:

  1. Das Gegenüber muss erfahren, wie ein bestimmtes Verhalten wirkt, d.h. wie es bei den anderen ankommt und welche Gefühle oder Assoziationen es weckt.
  2. Gleichzeitig ist es wichtig, das eigene Verhalten transparent zu machen. Warum wird etwas Bestimmtes gesagt/getan, das möglicherweise auf das Gegenüber befremdlich wirken könnte? Wie sind bestimmte Aussagen gemeint, welche Absicht verfolgt der Sprecher damit?

Wenn sich die Beteiligten in dieser Weise gegenseitig informieren, werden Missverständnisse und unnötige Konflikte vermieden. Es kommt zu einer echten Verständigung. Man kann miteinander aushandeln, wie man bestimmte Dinge in Zukunft gemeinsam klären möchte, um jegliche Missverständnisse zu vermeiden. Ehrliche Rückmeldung fördert Verständnis und Nähe. Gleichzeitig erarbeitet man sich auf diese Weise eine eigene und ganz neue Kultur.

Aufrecht gehen!

Mr. Trump zeigt uns gerade, wie man sich herausredet. Ausreden sind generell sehr beliebt und viele von uns erweisen sich dabei als bemerkenswert fantasievoll (Donald Trump gehört eher nicht dazu…). Man muss wohl erst richtig erwachsen werden, um auf Ausreden verzichten zu können. Denn eine Ausrede demonstriert nichts weiter, als dass man nicht zu sich steht und sich nicht in der Lage fühlt, Verantwortung für die eigene Person zu übernehmen. So etwas ist immer erbärmlich. Und wer gar dabei erwischt wird, erntet bestenfalls ein wenig Mitleid, meistens jedoch eine gehörige Portion Geringschätzung.

Aber nicht nur Ausreden demonstrieren unsere Schwäche. Auch die Bemühungen, das eigene Sein vor  anderen zu verbergen, beweisen, wie schwer es fällt, zu sich selbst zu stehen. Sich zu verbiegen, gehört zum Alltag. Wer wagt es schon, in irgendeiner Weise aufzufallen? Herauszuragen? Wer traut sich schon, im Job seine Überforderung zuzugeben? Wer wehrt sich gegen unzumutbare Zustände oder Unrecht, wenn er sich in einer unterlegenen Position wähnt? Das Dumme ist nur: Wer sich eh schon ängstlich und unterlegen fühlt und sich deswegen duckt, macht die Sache schlimmer. Denn er zementiert damit eigenhändig seine Unterlegenheit.

Wir brauchen mehr Menschen, die aufrecht gehen und es wagen, sich zu zeigen. Die nicht solche Angst davor haben, jemand könnte erkennen, wie sie wirklich sind. Die sich trauen, unvollkommen zu sein, manchmal ängstlich, bedürftig, unsicher, wütend, hilflos, traurig, verletzt, unbeholfen … Wir brauchen mehr Menschen, die all die Seiten in sich zulassen, die niemand so recht an sich leiden kann und die dennoch zu jedem von uns gehören. Wenn wir alles zulassen könnten, was zu uns gehört, dann würde etwas Wunderbares passieren: Dann würde unsere Welt menschlicher (nicht nur die Arbeitswelt!), wir würden damit beginnen, uns endlich ganz zu fühlen. Wir könnten aufrecht gehen und es fiele uns leichter, auch andere gelten zu lassen. Wir müssten nur damit beginnen, ein wenig liebevoller mit uns selbst umzugehen, indem wir uns erlauben, zu sein, was wir sind und aufrecht durchs Leben gehen, ohne Verleugnung, Ausreden und Versteckspiele.

So erfolgreich wie Lucy

Lucy ist unsere kleine einjährige Hündin, die Tochter rumänischer Straßenhunde. Sie ist quirlig, neugierig und immer gut drauf. Neulich habe ich ihr ein Intelligenzspielzeug für Hunde gekauft. Es handelt sich dabei um ein kreisförmiges Spielbrett mit sieben Vertiefungen, in die man kleine Leckereien hineinlegt. Anschließend werden die Vertiefungen auf dreierlei verschiedene Weise abgedeckt. Der Hund muss nun herausfinden, wie er an seine Leckereien herankommt und er muss dabei die drei verschiedenen Mechanismen nutzen.

Das ist nicht ganz einfach, aber Lucy schafft das erheblich schneller als die drei anderen Hunde unseres Rudels. Dabei sind die anderen älter und erfahrener. Wie macht Lucy das? Ganz einfach: Sie probiert in einem Affenzahn alles aus, was ihr einfällt. Sie nutzt dazu ihre Nase, ihre Zähne und ihre Pfoten. Sie hat keine Ahnung, wie die Mechanismen funktionieren, aber das hält sie nicht zurück. Sie legt einfach los. Und macht so lange weiter, bis kein einziges Stück Futter mehr übrig ist.

Offengestanden bewundere ich sie dafür. Denn ihr Ansatz ist erfolgreich. Sie findet ihre Leckereien, und zwar jedesmal und obendrein schnell. Ich kann nicht umhin, ihre Herangehensweise mit der von Menschen zu vergleichen. Dabei kommen wir Menschen nicht besonders gut weg. Wir experimentieren bei weitem nicht so selbstverständlich und munter. Wenn wir vor einem Problem stehen, das wir nicht durchschauen, dann analysieren wir es. Aber dabei stoßen wir mitunter an Grenzen. Und dann sind wir geneigt, das Problem (zumindest vorläufig) für nicht lösbar zu erklären, weil wir es nicht verstanden haben. Wir geben auf, verschieben die Sache womöglich auf unbestimmte Zeit. Und wir wollen auf keinen Fall scheitern. Das halten wir nicht aus. Wir denken, wir seien inkompetent, wenn wir nicht gleich Erfolg haben. Wir finden es peinlich, wenn andere sehen können, dass wir gescheitert sind. Darum experimentieren wir nicht fröhlich drauflos. Lucy macht sehr vieles falsch, wenn sie herumprobiert, wie sie an ihre Leckereien kommt. Aber das kümmert sie kein bisschen. Warum kümmert es uns so sehr? Sollten wir nicht vielmehr mit so viel Spaß und Mut an Neues herangehen wie die kleine Hündin? Was für Erfolge könnten wir dann feiern?! Aber wir sichern uns nach allen Seiten ab, wir wollen den Erfolg sofort oder gar nicht. Tatsächlich ist aber genau das der Unterschied zwischen den Erfolglosen und den Erfolgreichen: Letztere machen immer weiter und geben nicht auf, bis sie es geschafft haben.

Peinlich, peinlich

Wem wäre das noch nicht passiert? Unbedacht stößt man andere vor den Kopf, verletzt die Gefühle einer Person, bereitet jemandem unnötig Umstände, weil man gedankenlos agiert. Wenn einem dann plötzlich klar wird, was man angerichtet hat, ist einem die Angelegenheit ziemlich peinlich. Man weiß genau, dass diese ungute Situation mit ein wenig mehr Achtsamkeit und Umsicht vermeidbar gewesen wäre.

Damit es nicht zu einer nachhaltigen Abbuchung vom Beziehungskonto kommt, empfiehlt es sich, das Malheur in vier Schritten anzugehen:

  1. Sie sollten sich selbst gegenüber zugeben, dass Sie etwas falsch gemacht haben. Manchmal mag es verführerisch sein, den Fehler woanders zu suchen. Manch einer sagt sich dann z.B. etwas wie: „Hätte der andere nicht so blöd …. , dann wäre mir die Sache bestimmt nicht passiert!“ Also ist der andere schuld, weil er vielleicht nicht klar genug war, nicht deutlich genug gemacht hat, was los ist. Aber das ist nichts weiter als eine faule Ausrede. Wenn Sie fremde Gefühle verletzt haben – gleich, aus welchem Grund – sollten Sie auch dazu stehen.
  2. Im nächsten Schritt sollten Sie bereit sein, Ihren Fehler auch dem Betroffenen gegenüber offen zuzugeben. Wer seinen Fehler leugnet oder sich herauszureden versucht, macht die Sache nur schlimmer. Je selbstverständlicher Sie Ihr Fehlverhalten eingestehen, desto selbstverständlicher kann Ihr Gegenüber das Vorgefallene akzeptieren. Denken Sie daran, dass sich jeder von uns manchmal unangemessen und ungeschickt verhält. Das ist nicht gut und auch nicht immer harmlos, aber es kommt vor. Stehen Sie zu sich!
  3. Im nächsten Schritt ist eine Entschuldigung fällig. Aber nicht als Formsache! Ihr Bedauern muss echt sein. Die Entschuldigung muss sich nach einer Herzensangelegenheit anhören! Fühlen Sie sich in den anderen ein, sodass Ihnen völlig klar wird, was Sie angerichtet haben. Dann wird Ihre Bitte um Entschuldigung ganz von allein aufrichtig klingen.
  4. Und schließlich bieten Sie Ihrem Gegenüber nach Möglichkeit eine Wiedergutmachung an. Damit wird die Schuld abgetragen und die Beziehung ist bereinigt.

Kaltherzigkeit als Normalfall?

Gestern habe ich noch am späten Abend meine Wochenendeinkäufe im Supermarkt erledigt. Während ich an der Kasse Teil für Teil aufs Band legte, stand hinter mir ein junger Mann, ca. 30 Jahre, der nur eine Getränkedose aufs Band stellte. Er wartete geduldig, während ich weiter den Inhalt meines Einkaufswagens aufs Band packte.
Ich habe ihm dann angeboten, mit seiner Dose einfach vorzugehen. Das schien mir vernünftig und angemessen. Und dann ist etwas passiert, was mich sehr gerührt hat:
Der junge Mann wirkte nicht so, als gehörte er zu den Gewinnern in unserer Gesellschaft. Als ich ihn vorließ, war er sehr überrascht und hat sich gleich mehrfach bedankt, so, als hätte ich ihm ein großes Geschenk gemacht und nicht bloß eine kleine Geste der Freundlichkeit erwiesen. Ich konnte an seinen Reaktionen deutlich erkennen, dass er es nicht gewohnt war, mit kleinen Gesten der Freundlichkeit bedacht zu werden. Und genau das hat mich nachdenklich und traurig gemacht.
Es ist so leicht, ein bisschen aufmerksam und freundlich zu sein. Und man bewirkt damit so viel. Warum ist uns solch ein Verhalten nicht selbstverständlich?

Gerade in der Arbeitswelt weht vielerorts ein sehr rauer Wind. Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Den eigenen Vorteil im Blick zu haben, ist nicht grundsätzlich falsch. Aber muss das zwangsläufig bedeuten, dass Warmherzigkeit, Großzügigkeit und Freundlichkeit ausgeschlossen sind? Es arbeitet sich definitiv erheblich angenehmer in einem Klima gegenseitigen Wohlwollens. Es müsste also im Interesse jedes Menschen liegen, ein positives Klima am Arbeitsplatz zu schaffen, denn die Unkultur, die in so vielen Organisationen herrscht, schadet allen. Letzten Endes verbringen wir den besten Teil unserer Wachzeit am Arbeitsplatz. Soll diese Zeit etwa geprägt sein von Kälte und Rücksichtslosigkeit? Welcher Mensch mit klarem Verstand möchte denn unter solchen Umständen arbeiten?!

Vom Arbeitssklaven zum geschätzten Mitarbeiter

Liebe Leser und Abonnenten,

in der Arbeitswelt wird viel geklagt und ich persönlich habe den Eindruck gewonnen, dass vielerorts die Arbeitsbedingungen sehr unbefriedigend sind. Menschen werden häufig als reine Produktionsmittel betrachtet und auch so behandelt. Für alle Beschäftigten (gleich, ob Mitarbeiter oder Führungskraft), die sich zu wenig gesehen, wahrgenommen, gewürdigt und ernstgenommen fühlen, habe ich eine neue Facebook-Gruppe gegründet.

Wenn Sie mehr Einfluss und mehr Respekt an Ihrem Arbeitsplatz genießen wollen, dann lade ich Sie herzlich ein, meiner Coaching-Gruppe „Vom Arbeitssklaven zum geschätzten Mitarbeiter“ beizutreten.

Ja, ich möchte mehr Einfluss und Respekt genießen! (klick)

In dieser Gruppe gibt es nicht nur einen regen Austausch, sondern Sie erhalten auch die Unterstützung, die Sie brauchen, um Ihren Status am Arbeitsplatz zu verbessern und auf diese Weise die Arbeit mehr genießen zu können. Ziel ist es, dass Sie die Wertschätzung erfahren, die Sie verdient haben und damit zugleich Ihre Einflussmöglichkeiten vergrößern. Auf diese Weise wird Ihre Arbeitszufriedenheit steigen und die Arbeit wird erfüllender.

Ich selbst werde in der Facebook-Gruppe laufend Fragen beantworten und nützlichen Input liefern, um gezielt für Mehrwert zu sorgen.

Klingt das gut? Dann sind Sie herzlich eingeladen, jetzt der Gruppe beizutreten:

Vom Arbeitssklaven zum geschätzten Mitarbeiter (klick)

Ich freue mich, Sie in der Gruppe willkommen zu heißen.

Mit herzlichen Grüßen

Marion Lemper-Pychlau

 

Machtvoll handeln!

Macht ist ein Aspekt jeder zwischenmenschlichen Beziehung, sei sie beruflich oder privat. Das lässt sich weder leugnen noch diskutieren. Um so erstaunlicher, dass es Menschen gibt, die mit Macht nichts zu tun haben wollen oder nicht wahrhaben wollen, dass sie mächtig sind. Sie nutzen ihre Spielräume nicht und verschenken die Chance, Einfluss zu nehmen.

Neben der formellen Macht, die hierarchisch definiert ist, gibt es die informelle Macht, die oft noch sehr viel wirksamer ist. Denn nicht die offizielle Rolle entscheidet über die Machtfrage. Wie mächtig jemand tatsächlich ist, hängt vielmehr davon ab, welchen Machtumfang der Betreffende anstrebt und wie entschlossen er dabei agiert. Niemand ist wirklich machtlos. Es existieren zahllose Möglichkeiten, Dinge im eigenen Sinn zu beeinflussen. Macht kennt viele Spielarten. Sie kann offen oder verdeckt ausgeübt werden, kann Kampf oder heimliche Manipulation sein, kopflose Aggression oder wohlüberlebte Taktik.

Wir stehen der Macht allzu oft skeptisch gegenüber. Viel zu viele Menschen sind unentschlossene Zauderer. Statt vorzutreten und tatkräftig anzupacken, machen sie sich unsichtbar und warten ab. Manch einer hält es gar grundsätzlich für verwerflich, Macht auszuüben oder auch nur danach zu streben. In Wahrheit ist Macht weder gut noch schlecht. Sie stellt lediglich ein unverzichtbares Werkzeug dar, um ein Ziel zu verfolgen. Wer keine Macht besitzt, wird nichts ausrichten können. Natürlich besteht immer die Gefahr des Machtmissbrauchs, aber letzten Endes ist es ein Kennzeichen der guten Dinge, dass man sie missbrauchen kann.

Wer leichtfertig auf die Ausübung seiner Macht verzichtet, schafft damit nicht etwa einen machtfreien Raum, sondern überträgt lediglich seine eigene Macht auf andere. Er drückt sich vor der Verantwortung, will nichts entscheiden und für nichts geradestehen. Wir brauchen jedoch in allen Bereichen des Lebens Menschen, die bereit sind, die Dinge in die Hand zu nehmen, Entscheidungen zu treffen und dafür die Verantwortung zu tragen. Wir müssen bereit sein für die Macht, wenn wir die Dinge zum Guten verändern wollen.

Aus diesem Grund kann die Arbeitswelt keine passiven Mitarbeiter brauchen. Ein Angestelltenverhältnis entbindet nicht von der Verantwortung für das Ganze!

Lebendig arbeiten!

Im Restaurant: Am Nachbartisch sitzen zwei Männer im vorgerückten Alter. Sie sprechen über den Ruhestand. Der eine meint: „Noch zwei Jahre. Dann hab ich’s geschafft!“ Der andere daraufhin: „Ich kann schon nächstes Jahr aufhören.“ Und der erste kommentiert: „Du hast es gut.“

Fast vergeht mir der Appetit. Ich fühle mich bedrückt. Was sind das für traurige Menschen am Nebentisch! Wie kann man so leben, frage ich mich. Da steht man morgens auf und sagt sich: „Ich gehe jetzt zur Arbeit und erwarte, bis zum Feierabend zu leiden.“ Und diese Menschen denken, sie müssten erst alt werden, damit endlich ihr Leben beginnen kann.

Ich verfluche den Begriff „Work-Life-Balance“ und die Wahrnehmung dahinter. Nein, es gibt keine Zweiteilung in unserem Leben! Das Leben findet jeden Augenblick statt und will gestaltet werden. Arbeit ist genauso Leben wie die Freizeit. Und wer, wie diese beiden Männer, glaubt, er würde in einem Käfig stecken und deshalb darauf wartet, dass ihm endlich mal die Tür ins Freie geöffnet wird, der hat ganz einfach nicht begriffen, worum es in diesem Leben geht. Jede Minute muss in irgendeiner Form gestaltet werden. Ich kann mich entscheiden, ob ich meine Arbeitszeit als Opfer absitze oder mich einbringe.

Und wenn ich schon die Wahl habe, dann bin ich doch sehr fürs Einbringen. Auch wenn es für mich manchmal unbequem ist. Auch wenn ich damit anecke. Ich will mitdenken, mitreden, mitgestalten, mit Verantwortung tragen, Stellung beziehen, mir auch mal Feinde machen. Ich will spüren, dass ich lebe, indem ich Herausforderungen suche. Wer seine Zeit absitzt und auf die Rente wartet, hat selbst Schuld an seiner Leblosigkeit und seinem Elend. Ihm ist wohl nicht zu helfen. Er will es so. Aber dann soll er, bitteschön, nicht seinen Arbeitgeber dafür verantwortlich machen.

Auszeit!

Nach etlichen Wochen, in denen ich auch das Wochenende durchgearbeitet hatte, habe ich mir kürzlich eine Auszeit gegönnt und bin für einen Tag weggefahren. Einfach so, irgendwohin, wo es schön ist. Bei meiner Rückkehr hatte ich ein sonderbares Gefühl:

Meine Probleme, mit denen ich mich derzeit herumschlage, schienen kleiner geworden zu sein. Die Räume daheim waren zwar vertraut, aber plötzlich fiel mir auf, dass ich ein paar Dinge verändern sollte. Insgesamt war meine Stimmung anders, ich stand mehr über den Dingen.

Abstand ermöglicht eine andere Perspektive. Eine ziemlich banale Binsenweisheit. Komisch nur, dass wir sie uns im Alltag so selten zunutze machen! Stattdessen glauben wir, auf jede Situation sofort reagieren zu müssen. Nicht selten passiert das spontan und unreflektiert. Wir setzen uns selbst unter Druck statt zu sagen: „Darüber muss ich erst mal nachdenken.“

Dabei wäre es so nützlich, dieses Nachdenken. Oder einfach mal gar nichts tun. Das Unbewusste arbeiten lassen. Was wäre, wenn Mitarbeiter während der Arbeitszeit spazieren gehen dürften, um sich zu entspannen? Damit der Geist bessere Lösungen liefern kann… Ja, ich weiß: Das geht schon mal gar nicht, denn diese Art der Arbeit lässt sich weder messen noch kontrollieren.

Aber kleine Auszeiten müssten jedem möglich sein: Einfach mal rausgehen und einen Kaffee holen, bevor eine Situation eine ungute Wendung nehmen kann. Einfach mal sagen: „Lassen Sie uns eine Nacht darüber schlafen!“ Wenigstens so viel Auszeit sollte drin sein!